St. Marien Obernjesa


Die erste urkundliche Erwähnung einer Kirche in Obernjesa geht auf das Jahr 1278 zurück. Aus dieser Zeit sind allerdings nur sehr wenige Urkunden überliefert und auch aus den folgenden Jahrhunderten sind nur wenige Dokumente erhalten.
Bekannt ist jedoch, dass unter Herzogin Elisabeth von Braunschweig-Calenberg-Göttingen die Reformation in diesem Landstrich Einzug hielt. In der nahe gelegenen Stadt Göttingen fasste die „Neue Lehre“ 1529 Fuß. Wann genau die reformatorische Lehre in Obernjesa Einzug hielt, ist nicht genau bekannt. Es ist jedoch überliefert, dass der erste evangelische Pastor 1553 Obernjesa verließ; wann genau er die Pfarrstelle angetreten hat, ist nicht tradiert.

Die Kirche in Obernjesa hat im Laufe der Jahrhunderte viele Umbauten erfahren. Der älteste heute noch sichtbare Teil ist der aus massiven Bruchsteinquadern hoch aufgemauerte Turm aus dem Ende des 13. Jahrhunderts. Den heute sichtbaren, schieferbehängten Turmaufsatz mit seinem markanten Aussehen erhielt die Kirche erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die außergewöhnliche Bekrönung des Turms, ein Stern, getragen von einem Kreuz, erhielt die Kirche bei der großen Renovierung im Jahr 2000. Einem Dokument aus der Turmkugel ist zu entnehmen, dass sich bis 1967 bereits ein Stern auf der Spitze der Wetterfahne befand. Da sich zu dieser Zeit aber kein Klempner fand, der einen vergleichbaren Stern bauen konnte, wurde der Stern kurzerhand gegen ein einfaches Blechkreuz ausgetauscht. Als sich der Kirchenvorstand im Jahr 2000 für die Erneuerung des Kreuzes auf der Wetterfahne aussprach, verweigerte die Landeskirche die Genehmigung dafür. Damit nahm ein langwieriger Streit zwischen der Landeskirche und der Kirchengemeinde seinen Anfang: Streitpunkt war, dass sich das Kreuz nicht drehen durfte sondern feststehen musste, obwohl sich das alte Kreuz in den Jahrzehnten zuvor stets mit der Wetterfahne gedreht hatte. Der Kirchenvorstand beschloss daraufhin gemäß dem historischen Vorbild anstelle des Kreuzes wieder einen Stern als Bekrönung zu wählen. Diese Bitte wurde mit den Worten „Wir sind doch nicht auf dem Roten Platz in Moskau!“ abgetan. Nach weiteren Überlegungen einigte man sich in Obernjesa auf eine Kombination von Stern und Kreuz. Aber auch diese Kombination fand vor den Augen der Zuständigen keine Gnade, da auch bei dieser Lösung das Kreuz, das den Stern trägt, feststehen sollte und sich nicht zusammen mit der Wetterfahne drehen durfte. Auch der Einwand, dass der Stern von allen Seiten zu sehen sein sollte, beeindruckte die Zuständigen der Landeskirche wenig. Der Streit rief ein großes Medienecho hervor und führte soweit, dass sogar der NDR im Fernsehen darüber berichtete. Die Zuständigen der Landeskirche lenkten dennoch nicht ein und schickten einen Brief, mit dem sie die Sache als erledigt ansahen; er enthielt nur die folgenden Worte: „Stat crux dum volvitur orbis“ (Das Kreuz steht fest, während die Welt sich dreht). Damit betrachtete die Landeskirche den Fall als abgeschlossen. Für den Kirchenvorstand war diese Sache noch keineswegs ausgestanden und erwiderte seinerseits das Schreiben kurz und präzise mit den Worten: „In Obernjesa nicht!“. Daraufhin wurde die Bekrönung ausschließlich durch Spenden der eigenen Gemeinde finanziert und die Landeskirche hatte keinerlei Mitspracherecht mehr in dieser Sache. Seitdem drehen sich Stern und Kreuz (wieder) zusammen mit der Wetterfahne im Wind.

Östlich an den Turm schließt sich das Kirchenschiff an. Die ältesten Teile dürften ebenfalls aus dieser frühen Zeit stammen. In der Südwand sind heute noch das Gewände einer gotischen Spitzbogentür und eine kleine Lichtöffnung zu erkennen. Diese beiden Elemente dürften zum Kirchenschiff in seiner ursprünglichen Gestalt gehört haben. Weiterhin lässt sich erkennen, dass das ursprüngliche Fundament auf halber Länge des heutigen Kirchenschiffs endet. Daher liegt es nahe, dass das Schiff vergrößert worden ist, um der gestiegenen Gemeindegliederzahl Platz bieten zu können. Ein großer Umbau wurde am Ende des 18. Jahrhunderts vorgenommen. Aus dieser Zeit stammen das Kirchenschiff in seinen heutigen Ausmaßen und große Teile der Inneneinrichtung der Kirche. Bis zur großen Renovierung im Jahr 2000 war das Schiff unverputzt und zeigte das historische Bruchsteinmauerwerk; aus konservatorischen Gründen musste jedoch eine Putzschicht aufgetragen werden.

Der spätbarocke Kanzelaltar zeigt sich heute in einer Fassung aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Es dominieren die Farbtöne Elfenbein und Taubenblau mit zurückhaltender Goldstaffierung.
Der Altartisch wird flankiert von zwei Durchgängen neben denen sich ursprünglich seitlich hinter der Altarwand die Stühle für Pastor und Opfermann befanden. Die Kanzel ist mit einem Deckel versehen, der heute von einem segnenden Christus gekrönt wird. Die Altarleuchter aus Messing stammen aus der frühen Barockzeit.

Auch die Empore (Priechen) stammt aus der Zeit der großen Renovierung zum Ende des 18. Jahrhunderts. Seit der letzten Innenrenovierung im Jahr 2000 ist sie wieder in der originalen Fassung hergestellt. Die arbeitsaufwändige Bierlasur imitiert eine Holzmaserung aus verschiedenen Hölzern. Diese für uns heute oftmals befremdlich wirkende Übermalung der originalen Holzmaserung, um diese dann durch eine künstliche zu ersetzen, ist im historischen Kontext vor dem Hintergrund einer zusätzlichen Veredelung des Materials zu sehen.

Gegenüber der Altarwand, auf der Orgelprieche über dem Eingang, befindet sich die Orgel. Sie wurde 1842 bei August von Werder in Auftrag gegeben und konnte 1844 fertig gestellt werden. Die Orgel hatte ursprünglich eine barocke Disposition, die im Laufe der Jahrzehnte aber durch Veränderungen der Register verloren gegangen war. Im Jahre 1917 mussten die Zinnpfeifen des Prospekts abgeliefert werden, um daraus Kanonen zu gießen, sie wurden durch Zinkpfeifen ersetzt, die bis heute im Prospekt stehen. Bei einer großen Renovierung 1945 wurden erneut Veränderungen an den Registern vorgenommen, die jedoch einen Schritt hin zur ursprünglichen Disposition bedeuteten. Seit dieser Zeit verfügt die Orgel über acht Register im Manual und drei Register im Pedal. Bei einer Generalüberholung bei der letzten großen Innenrenovierung im Jahr 2000 ist die Orgel nach historischem Vorbild renoviert worden; bei dieser Gelegenheit wurde auch das Orgelgehäuse in seiner ursprünglichen Fassung wiederhergestellt.

Von weiterem kunsthistorischem Wert sind die beiden Messingkronleuchter im Altarraum und im Gestühl der Kirche. Es ist glückliche Fügung und der Standhaftigkeit der vormaligen Pastoren zu verdanken, dass diese Leuchter heute noch erhalten sind und nicht das Schicksal vieler vergleichbarer Stücke geteilt haben und zu Rüstungszwecken eingezogen wurden.

Eine vor kurzem aufgefundene Photographie zeigt den Zustand der Kirche um 1930. Es ist erkennbar, dass der Altar eine dunkle Fassung hatte, die der Fassung der Priechen angeglichen war. Außerdem verfügte der Altar noch an der linken und rechten Außenseite über ein Gestühl und eine reiche Ausstaffierung mit zahlreichen Figuren. Im Zuge einer Renovierung in den 50er Jahren wurde arg „geräubert“. Die Tafeln mit den zehn Geboten auf dem Kanzeldeckel und zahlreiche Figuren wurden entfernt und sind seitdem verschollen. Im gleichen Zuge wurden das Geländer an der Stufe zum Altar und die Abtrennung des Altarbereichs entfernt. Auch der historische Fußboden aus Eichendielen und Fliesen wurde gegen einen zeitgenössischen Marmorboden ausgetauscht.

Weithin hörbar verkünden drei Glocken von Freud und Leid. Das Geläut hat eine Wechselvolle Geschichte. Vor dem ersten Weltkrieg verfügte die Kirche Obernjesa über zwei Glocken, von denen eine 1917 abgeliefert werden musste. Die zweite Glocke zersprang 1923. Daraufhin erhielt die Kirche eine Leihglocke, die später erworben wurde. Sie stammt aus dem Jahr 1887 und hat den Schlagton a’ bei einem Gewicht von 400 kg und einem Durchmesser von 0,90 m. Ihr Geläut ist heute noch dreimal täglich zu hören. Auch der zweite Weltkrieg forderte die Glocken von den Türmen. Eine weitere 1926 angeschaffte Glocke musste bereits 1943 wieder abgeliefert werden. Nach dem zweiten Weltkrieg drohte das Vermögen der Kirchengemeinde durch die Inflation verloren zu gehen. Daraufhin ließ der Kirchenvorstand 1946 schnellstmöglich zwei neue Glocken gießen. Man entschied sich für sog. Klanggussglocken der Firma Weule in Bockenem. Die kleine Glocke hat den Schlagton h’ bei einem Gewicht von 450 kg und einem Durchmesser von 1,02 m, die große Glocke den Schlagton fis’ bei einem Gewicht von 1100 kg und einem Durchmesser von 1,39 m. Die Wahl der etwas preiswerteren Klanggussglocken war keine rein finanzielle Entscheidung; der geringere Anteil an Bronze in dieser Art Glocken verhindert, dass sie erneut zu Geschützen umgegossen werden können.
Mögen unsere Glocken nie wieder vom Turm geholt werden müssen!

Eine Hörprobe unseres Geläuts finden Sie HIER oder aber im Download-Bereich im Hauptmenü.